Wie beginne ich mit der Familienforschung?
Der häufigste Anfängerfehler ist, im Archiv anzufangen. Die ersten drei Generationen liegen fast immer in der eigenen Wohnung — und bei den Menschen, die man noch fragen kann.
Ahnenforschung funktioniert nur in eine Richtung: von der Gegenwart in die Vergangenheit, Generation für Generation. Jeder Schritt muss belegt sein, bevor der nächste beginnt. Wer diese Regel bricht und irgendwo im 18. Jahrhundert einen passenden Namen findet, baut auf Sand.
Schritt 1 — Das eigene Haus durchsuchen
Bevor Sie ein einziges Archiv anschreiben, sammeln Sie alles, was ohnehin da ist. Erstaunlich viel liegt in Schubladen und auf Dachböden:
- Familienstammbuch, Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden
- Taufscheine, Konfirmations- und Kommunionsurkunden
- Arbeitsbücher, Wehrpässe, Soldbücher, Entlassungspapiere
- Ahnenpässe aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 — inhaltlich oft brauchbar, historisch belastet
- Vertriebenenausweise und Flüchtlingsausweise nach 1945
- Fotos, Postkarten, Briefe, Todesanzeigen, Grabkarten
- Erbscheine, Testamente, Grundbuchauszüge, Hofakten
Schritt 2 — Die Ältesten fragen, und zwar sofort
Das ist der eine Schritt, der sich nicht nachholen lässt. Ein Archiv wartet hundert Jahre. Eine 88-jährige Großtante nicht.
Fragen Sie nicht nach Daten, sondern nach Geschichten — Daten kommen von selbst. Wo hat die Familie gewohnt? Wer ist wann weggezogen und warum? Wer hat wen geheiratet, und was sagte die Familie dazu? Gab es Auswanderer? Gab es einen Hof, ein Geschäft, eine Werkstatt? Nehmen Sie das Gespräch auf, mit Einverständnis, und schreiben Sie es anschließend mit.
Schritt 3 — Ordnung anlegen, bevor es unübersichtlich wird
Ab etwa der dritten Generation verliert man ohne System den Überblick. Legen Sie für jede Person ein eigenes Blatt an mit: Name in allen gefundenen Schreibweisen, Geburt, Taufe, Heirat, Tod, Bestattung, Beruf, Wohnorte, Eltern, Kinder — und zu jeder Angabe die Quelle.
Für die digitale Erfassung eignen sich Programme wie Gramps (kostenlos), Ahnenblatt oder GEDBAS. Wichtig ist nur eines: Das Programm muss GEDCOM exportieren können. Dieses offene Format ist die einzige Garantie, dass Ihre Arbeit auch dann noch lesbar ist, wenn es das Programm nicht mehr gibt.
Schritt 4 — Die amtlichen Register
Jetzt beginnt die eigentliche Recherche. Für die Zeit ab 1874 (Preußen) beziehungsweise 1876 (übriges Deutsches Reich) sind das die Standesamtsregister. Sie werden 110 Jahre (Geburt), 80 Jahre (Ehe) und 30 Jahre (Tod) beim Standesamt geführt und gehen danach an die Archive über.
Solange die Frist läuft, erhalten nur direkte Verwandte Auskunft. Danach gelten die Archivgesetze, und die Register sind grundsätzlich frei benutzbar. Viele Landesarchive haben sie digitalisiert.
Schritt 5 — Die Kirchenbücher
Vor 1874 führt der Weg über die Kirchenbücher. Dafür müssen Sie eines wissen: den Kirchspielort. Nicht jedes Dorf hatte eine eigene Kirche; viele gehörten zu einer Pfarrei im Nachbarort. Wer im falschen Sprengel sucht, findet nichts, obwohl alles erhalten ist.
Ein großer Teil ist heute digital einsehbar: Archion für die evangelischen Landeskirchen, Matricula für katholische Bistümer in Deutschland und Österreich, dazu die Bestände von FamilySearch und die Digitalisate der Landesarchive. Was dort fehlt, liegt weiterhin im Pfarramt oder im zuständigen Kirchenarchiv.
Und dann?
Irgendwann kommt die Stelle, an der es nicht weitergeht — weil der Band fehlt, weil die Handschrift unleserlich ist, weil drei Personen desselben Namens im selben Dorf lebten. Das ist normal und kein Zeichen von Unfähigkeit. Es ist der Punkt, an dem Erfahrung mit den Beständen den Unterschied macht.