Standesamtsregister verstehen
Ab 1874 übernahm der Staat, was zuvor die Kirche tat. Für die letzten 150 Jahre sind die Standesamtsregister die zuverlässigste Quelle, die es gibt.
Mit dem preußischen Gesetz vom 9. März 1874 wurde zum 1. Oktober 1874 in Preußen die staatliche Beurkundung des Personenstandes eingeführt. Das Reichsgesetz vom 6. Februar 1875 übernahm die Regelungen nahezu wortgleich und trat zum 1. Januar 1876 im gesamten Deutschen Reich in Kraft.
Eine Ausnahme bildet das linksrheinische Gebiet: Dort gab es Zivilstandsregister nach französischem Vorbild bereits seit der Zeit um 1798. Wer im Rheinland forscht, findet dadurch staatliche Register, die achtzig Jahre älter sind als anderswo.
Die drei Register
Geburtsregister
Nennt Datum, Uhrzeit und Ort der Geburt, den Namen des Kindes, beide Elternteile mit Beruf, Wohnung und Religion sowie die anzeigende Person. Besonders wertvoll sind die Randvermerke: Spätere Heirat, Namensänderung, Legitimation, Scheidung und Tod wurden am Rand nachgetragen. Ein einziger Geburtseintrag kann so den gesamten weiteren Lebenslauf erschließen.
Heiratsregister
Das ergiebigste der drei. Es nennt beide Eheleute mit Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf und Wohnung, dazu beide Elternpaare mit Namen, Beruf und Wohnort sowie die Trauzeugen. Ein Heiratseintrag liefert damit auf einen Schlag zwei komplette Vorgängergenerationen.
Sterberegister
Nennt Sterbedatum, Sterbeort, Alter, Beruf, Wohnung, den überlebenden Ehepartner und häufig die Eltern des Verstorbenen — auch dann, wenn diese längst tot waren. Ein Sterbeeintrag von 1920 kann so einen Hinweis auf eine Geburt um 1840 enthalten.
Fristen und Einsicht
Das Personenstandsgesetz gibt vor, wie lange die Standesämter die Register selbst führen:
| Register | Fortführungsfrist | Danach |
|---|---|---|
| Geburtenregister | 110 Jahre | Abgabe an das zuständige Archiv |
| Eheregister | 80 Jahre | Abgabe an das zuständige Archiv |
| Sterberegister | 30 Jahre | Abgabe an das zuständige Archiv |
Solange die Frist läuft, erteilt das Standesamt Urkunden und Auskünfte grundsätzlich nur an die betroffene Person selbst sowie an Vorfahren, Nachkommen, Ehegatten und Geschwister. Nach Ablauf der Frist gehen die Register an die Archive über, und es gilt Archivrecht: Sie sind dann grundsätzlich für jeden benutzbar.
Nebenregister nicht vergessen
Von jedem Register wurde eine Zweitschrift geführt und getrennt aufbewahrt — beim Amtsgericht oder bei der übergeordneten Behörde. Diese Nebenregister sind für die Forschung Gold wert: Wo das Hauptregister im Krieg verbrannt ist, existiert die Zweitschrift oft noch. Wer zu schnell aufgibt, weil das Standesamt „nichts mehr hat“, übersieht diesen Weg regelmäßig.
Für die Ostgebiete
Register aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten liegen teils in polnischen Staatsarchiven, teils beim Standesamt I in Berlin, das die Sammelstelle für Personenstandsfälle aus den nicht mehr deutschen Gebieten führt. Wer in Schlesien, Pommern oder Ostpreußen forscht, sollte beide Wege prüfen.