Schreibweisen im Wandel der Zeit
Derselbe Mann heißt im Taufeintrag Kraatz, im Trauregister Krahtz und im Sterbeeintrag Kratz. Wer nur eine Schreibweise sucht, verliert die halbe Familie.
Es ist einer der ersten Schocks jeder Familienforschung: Der Name, den man für den Namen der Familie hielt, sieht in jedem zweiten Dokument anders aus. Das ist kein Fehler des Pfarrers und kein Hinweis auf eine andere Familie — es war schlicht der Normalzustand.
Warum es keine feste Schreibung gab
Bis weit ins 19. Jahrhundert war die Schreibung von Namen nicht geregelt. Ein verbindlich festgelegter Familienname, den eine Behörde führt und der sich nicht ohne Weiteres ändern lässt, entstand erst mit der staatlichen Personenstandsführung ab 1874 beziehungsweise 1876. Davor galt: Wer schrieb, entschied.
Und geschrieben hat meistens nicht die betroffene Person. Der Pfarrer hörte einen Namen und setzte ihn nach eigenem Gefühl aufs Papier — beeinflusst von seiner eigenen Herkunft, seiner Ausbildung und dem lokalen Dialekt. Ein schwäbischer Pfarrer in Pommern schrieb anders als sein pommerscher Vorgänger.
Die typischen Wechsel
| Wechsel | Beispiele |
|---|---|
| Dehnungszeichen | Kratz · Kraatz · Krahtz · Krath |
| i / ie / y / ey | Meier · Meyer · Mayer · Maier · Meÿer |
| Verdopplung von Konsonanten | Miller · Müller · Muller · Mueller |
| t / th / dt | Schmidt · Schmitt · Schmid · Schmied · Schmit |
| c / k / ck | Becker · Bekker · Beker |
| f / v / ph | Fischer · Vischer · Filipp · Philipp |
| Umlaut oder Umschreibung | Grün · Gruen · Grun |
| Latinisierung | Schmied → Faber · Bauer → Agricola · Müller → Molitor |
| Slawische Endungen | Lewandowski · Lewandowsky · Levandofski |
Die Latinisierung
Eine Besonderheit, die viele Recherchen stoppt: In Kirchenbüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts wurden Namen — vor allem von Pfarrern, Lehrern und Gelehrten — gelegentlich ins Lateinische übersetzt. Aus dem Schmied wird Faber, aus dem Müller Molitor, aus dem Bauern Agricola, aus dem Fischer Piscator, aus dem Schäfer Opilio.
Wer einen solchen Namen sucht und ihn nicht findet, sollte die deutsche Entsprechung prüfen — und umgekehrt. Nicht selten wechselt dieselbe Familie innerhalb einer Generation zwischen beiden Formen.
Wie man trotzdem sicher zuordnet
Die Antwort ist einfach und unbequem zugleich: Der Name allein trägt die Zuordnung nie. Sie brauchen ein zweites Merkmal.
- Der Beruf — ein Büdner bleibt selten ein Jahr später Müller
- Die Ehefrau — ihr Vorname und Geburtsname bleiben über Jahrzehnte gleich
- Der Wohnort innerhalb des Ortes — Hausnummer, Gasse, Hofname
- Die Paten und Trauzeugen — wiederkehrende Namen zeigen den Verwandtenkreis
- Die Zahl und Reihenfolge der Kinder
Stimmen zwei oder drei dieser Merkmale überein, ist die Zuordnung tragfähig, auch wenn der Name unterschiedlich geschrieben ist. Stimmt nur der Name, ist sie es nicht.